Trends, die die Welt verändern

08-11-2016 | Interview

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Seit 10 Jahren bietet RobecoSAM Investoren Exposure zum menschlichen Einfallsreichtum. 
 

Pieter Busscher, leitender Portfoliomanager für die Smart-Materials-Strategie von RobecoSAM, blickt darauf zurück, wie der Fonds in den vergangenen zehn Jahren wegweisende Trends zu mehr Ressourceneffizienz sowie menschlichen Einfallsreichtum unterstützt hat.

Wann ist Ihr Interesse für Materialien erwacht?

Als Kind habe ich viel mit Elektronik gespielt – Dinge auseinandergenommen und anschliessend wieder zusammengesetzt. Meine Eltern wollten mir damals keinen Kassettenrekorder kaufen. Also musste ich mir einen von einem Altwarenladen besorgen und herausfinden, wie ich ihn wieder zum Laufen bringen konnte. Mit etwa zwölf oder dreizehn Jahren begann ich mit dem Programmieren und schrieb meine eigenen Computerspiele. Der Grundstein für mein Interesse an Ressourceneffizienz war damit gelegt. Mein Grossvater war Ingenieur und mein Vater ist Physiker, sodass ich schon im frühen Alter mit Geräten zu tun hatte und sah, wie sie funktionierten. Der Gedanke, dass unsere Ressourcen endlich sind, und Wege zu finden damit umzugehen, die mit diesem Thema einhergehen, haben mich immer schon fasziniert. 
  

Wann wurde die Strategie aufgelegt und mit welchem Ziel?

Wir haben die Smart Materials Strategie im Oktober 2006 aufgelegt, um einige der langfristigen Megatrends im Rohstoffsektor aufzugreifen – insbesondere den Aspekt des immer dringender werdenden Ressourcenproblems.
 
Der Druck auf unsere begrenzten Ressourcen erhöht sich durch das Bevölkerungswachstum und der immer intensiveren Ressourcennutzung bedingt. Im zurückliegenden Jahrhundert ist die Weltbevölkerung in erheblichem Tempo gewachsen, und es ist davon auszugehen, dass bis 2050 über neun Milliarden Menschen auf der Erde leben werden, 30% mehr als heute.
 
In der Vergangenheit sind die Menschen der Ressourcenknappheit begegnet, indem sie das Ressourcenangebot vergrössert oder Produktivitätssteigerungen erzielt und Substitute entdeckt haben. In Zukunft wird es aus zwei Gründen jedoch schwieriger werden, das Ressourcenangebot zu vergrössern. Erstens sind die meisten Ressourcen endlich, und die am leichtesten zugänglichen Ressourcen wurden bereits abgebaut. Es wird somit immer schwieriger, die Produktionsniveaus beizubehalten oder gar zu steigern. Zweitens werden unsere Möglichkeiten, das Angebot an Ressourcen zu erhöhen, durch die immer höhere Umweltbelastung begrenzt, die mit der Gewinnung und dem Verbrauch von Ressourcen einhergeht. Das heisst, dass die Erzielung von Produktivitätssteigerungen und die Entdeckung von Substituten eine immer wichtigere Rolle dafür spielen, wie wir die Ressourcenknappheit meistern. 
 

Wie wichtig sind Produktivitätssteigerungen und Substitute für die Lösung des Problems der Ressourcenknappheit?

Einer vom McKinsey Global Institute vorgelegten Studie zufolge könnten Produktivitätssteigerungen bis zu 30% der globalen Nachfrage nach Rohstoffen auffangen, wobei sich 70% dieser Produktivitätssteigerungen über bereits vorhandene Technologien erzielen liessen. Enorme Produktivitätsgewinne sind nicht nur in Reichweite, sondern auch jetzt schon wirtschaftlich tragbar.
 

«Kohlefasern sind viermal leichter und zehnmal stärker als Stahl. Der Anteil in Flugzeugen hat sich über die letzten 30 Jahre von 0 auf 50% gesteigert.»

 
Ein Beispiel hierfür sind Kohlefaser-Verbundstoffe. Kohlefasern, die viermal leichter und bis zu zehnmal fester sind als Stahl, haben es der zivilen Luftfahrt erlaubt, steigenden Treibstoffpreisen zu begegnen – dem bei Weitem grössten Kostenfaktor für Fluggesellschaften. 1970 bestand eine Boeing 747 zu 80% aus Aluminium und enthielt keinerlei Kohlefasern. Eine heutige Boeing 787 hingegen enthält nur noch 20% Aluminium, jedoch über 50% Kohlefasern. Unternehmen, die in dieser Wertschöpfungskette tätig sein, können von diesem Wandel nur profitieren.
 
Prozessinnovationen spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle bei der Erhöhung der Produktivität und dem Umgang mit Ressourcenknappheit. In Verbindung mit computergestütztem Design (CAD) und den entsprechenden Softwaretools stellen 3D-Drucker die Art, wie Firmen an die Produktentwicklung oder die Fertigung von Prototypen herangehen, gründlich auf den Kopf. Diese Technologien haben schnelleren, überlegenen und kostengünstigeren Konstruktionsprozessen den Weg gebahnt und damit Produktinnovationen begünstigt, Markteinführungszeiten verkürzt und die Rentabilität verbessert. Überdies sind Hersteller heute besser in der Lage, Produkteigenschaften bereits in einem frühen Stadium der Entwicklungsphase zu simulieren und zu testen, was Konstruktionsfehler reduziert, die allgemeine Produktqualität erhöht und das Risiko von Produktrückrufen verringert. Und schliesslich können 3D-Drucker auch Geld sparen, indem sie eine effizientere Nutzung von Rohstoffen ermöglichen, da sie Produkte generativ fertigen, anstatt Werkstücke in einem subtraktiven Verfahren durch Bohren oder Fräsen aus einem Rohstoff herauszuschneiden.  
 

Wie stellen sich Unternehmen dieser Herausforderung?

Der Luftfahrtsektor ist ein gutes Beispiel. Hohe Betriebskosten überwiegen die höheren Anschaffungskosten und bevorteilen damit die Fertigung neuer Kohlefasermodelle, während ältere Flugzeugtypen an Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst haben. Die grossen Unternehmen der Luftfahrtbranche wie Boeing und Airbus vermelden aufgrund der hohen Nachfrage nach effizienteren Flugzeugen derzeit Allzeitrekorde beim Stand ihrer Auftragsbücher.
 
Hingegen hinkt der Automobilsektor beim Substitutionsprozess ein wenig zurück. Mit über 74 Millionen verkauften Fahrzeugen im Jahr beläuft sich sein Materialverbrauch auf das Tausendfache des Materialverbrauchs der Luftfahrt. Zunehmend strengere Auflagen zur Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs in Europa, China, Japan und den USA zwingen die Autobauer jedoch zum Handeln. Es wird davon ausgegangen, dass sich der Einsatz von Leichtmaterialien in der Automobilindustrie bis 2030 um ein bis zwei Drittel erhöhen und der entsprechende Umsatz 300 Milliarden Euro betragen wird. Zwei Werkstoffe dürften in absehbarer Zukunft einen besonders starken Zuwachs verzeichnen: hochfester Stahl (13% geglättetes jährliches Wachstum (CAGR) bis 2030) und Aluminium (3% CAGR bis 2030). Schon jetzt beobachten wir eine verstärkte Nachfrage nach Ersterem seitens OEMs wie Volkswagen und Hyundai, während zum Beispiel Ford und Range Rover auf Letzteren setzen. Die Effizienzgewinne reichen von bis zu 100 kg (beim VW Golf 7) bis zu rund 10% bei Hyundai und rund 420 kg bei Range Rover. Beim 2015 Ford F-150 Pickup dürfte die Gewichtseinsparung sogar 15 bis 20% betragen.
 
Eine weitere Möglichkeit, die Unternehmen nutzen, um der Herausforderung zu begegnen, besteht in der optimalen Ausnutzung des Raums – auf Mikro-, Nano- und Pikometerebene. Zu den besser bekannten Materialien zählt hier Graphen, das so dünn ist wie ein Atom. Es wird in den Head-Tennisschlägern verarbeitet, mit denen Novak Djokovic und weiteren Tennisstars aufschlagen, da es die Festigkeit erhöht und Gewicht spart. Mit Nanobeschichtungen (zum Beispiel kratzfesten Autolacken) und entsprechend optimierten Produkten werden bereits Umsätze in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar erzielt. Ein Engagement in Unternehmen, die die für Innovationen auf diesem Gebiet erforderlichen Werkzeuge herstellen, ist eine Möglichkeit, als Anleger von diesem strukturellen Trend zu profitieren.
 

Wie hebt sich der Fonds vom Wettbewerb ab?

Der Hauptunterschied besteht im vorausblickenden Konzept. Wir konzentrieren uns auf Unternehmen, die Aktivitäten im Bereich der strukturellen Umwälzungen aufweisen, die wir für die Zukunft erwarten, und die von diesen Umwälzungen profitieren werden, während sich andere Strategien mit dem Schwerpunkt Materialien auf das beschränken, was heute nachgefragt wird. Im Rahmen unserer Smart-Materials-Strategie investieren wir in Unternehmen, die Lösungen für die Ressourcenprobleme unseres Planeten anbieten, indem sie neuartige Materialien herstellen, die herkömmliche Werkstoffe ablösen, oder Verfahrenstechniken entwickeln, mit denen sich Produktivitätssteigerungen bei der Gewinnung, Verarbeitung oder Nutzung von Ressourcen erzielen lassen.
 
Das Anlageuniversum umfasst Unternehmen, die auf dem Gebiet der Substitutionsmaterialien tätig sind, die an die Stelle von begrenzt verfügbaren Werkstoffen treten, oder Effizienzsteigerungen ermöglichen, sodass mit weniger Rohstoffen mehr erreicht wird. Schätzungsweise 380 Firmen partizipieren an strukturellen Wachstumstrends im Smart Materials Universum. Diese Unternehmen werden zu vier von RobecoSAM definierten Anlagebereichen zusammengefasst: Fortschrittliche Materialien, transformative Materialien – ein weiterer materialbasierter Anlageschwerpunkt – und die auf die Partizipation an Effizienzsteigerungen abzielenden Bereiche Verfahrenstechnik und Automatisierung & Robotik.
 

In welchen Branchen sehen Sie das grösste Wachstumspotenzial?

Der Bereich Automatisierung, der als Branche schon heute einen Umsatz von über 195 Milliarden US-Dollar erzielt, hat ein enormes Wachstumspotenzial. Dies ist durch die steigenden Lohnkosten insbesondere in den Industrieländern, aber auch Fertigungs-Drehkreuzen wie China bedingt. Historisch wird Automatisierung zur Senkung der Fertigungskosten eingesetzt. Angesichts der steigenden Arbeitskosten gewinnt die Automatisierung zunehmend an Bedeutung. Während die Lohnkosten beständig ansteigen, haben sich die Automatisierungskosten einer McKinsey-Studie zufolge seit 1990 um 40 bis 50% verringert und sollten weiter fallen.

«Während die Lohnkosten beständig ansteigen, haben sich die Automatisierungskosten einer McKinsey-Studie zufolge seit 1990 um 40 bis 50% verringert und sollten weiter fallen.»
 

Ein weiteres vielversprechendes Gebiet ist die Robotik. Bereits heute sind Roboter in vielen Branchen allgegenwärtig, etwa in der Automobil-, der Kautschuk- und der Kunststoffindustrie. Über den weltweit grössten Bestand installierter Roboter verfügt noch immer Japan. China holt jedoch rasch auf und stellte 2013 den grössten Markt für Industrieroboter dar. Dem Robotik-Industrie- und -Forschungsverband International Federation of Robotics zufolge sind der Einsatz neuer Materialien (z. B. Kohlefaser in der Automobilproduktion) und erhöhte Anforderungen an Effizienz und Qualität neben den bekannten Kostenvorteilen die wesentlichen Triebkräfte dieser Entwicklung. Vor diesem Hintergrund wird davon ausgegangen, dass die Anzahl der zur Automation eingesetzten Roboter steil ansteigen wird. Gemäss einer Analyse von Boston Consulting Group wird die Anzahl der Aufgaben die in der Fertigung künftig von Robotern übernommen wird von einem globalen Durchschnitt von ungefähr 11% in 2015 auf 25% in 2025 ansteigen. Diese Zahlen beinhalten Industrien mit einem Automationsgrad von mehr als 40%. Dies würde jährliche Wachstumsraten von ausgelieferten Industrierobotern von 10% über das nächste Jahrzehnt implizieren. 

Was macht die Strategie heute als Anlage attraktiv?

Materialien hatten schon immer eine entscheidende Bedeutung für die Menschheit und ihre Fortschritte im Laufe der Zeit. Ganze Zeitalter – die Steinzeit, die Bronzezeit und die Eisenzeit – wurden nach verschiedenen Werkstoffen benannt. Dies verdeutlicht, wie sie den Verlauf der Geschichte beeinflusst haben. Tatsächlich ist die Entdeckung und Entwicklung neuer Materialien immer noch einer der wichtigsten Faktoren für die Entwicklung und den Wohlstand der Gesellschaft.
 
Der traditionelle Ansatz für Rohstoffanlagen bestand darin, direkt in Rohstoffe oder Rohstoffaktien zu investieren. Dies beruht auf der Annahme, dass angesichts des begrenzten Angebots und der zunehmenden Nachfrage der Preis von Rohstoffen ständig steigen wird. Nun sind die Realpreise für Rohstoffe jedoch stetig zurückgegangen, was darauf hindeutet, dass die Naturressourcen im wirtschaftlichen Sinn nicht knapper geworden sind. Dies liegt daran, dass die Kräfte des freien Marktes und der menschliche Einfallsreichtum zu technologischen Durchbrüchen und zur Entwicklung von Substituten geführt haben, die es erlaubt haben, trotz der Ressourcenknappheit Wachstum zu erzielen.
 
Die Smart Materials Strategie geht über die reine Anlage in Rohstoffe hinaus. Wir investieren in die Erfindungsgabe des Menschen. Hätten Sie Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts dazu befragt, was ihre grösste Sorge sei, so hätten diese geantwortet: Pferde – die Probleme, die mit dem Füttern, der Handhabung und der Beseitigung der Hinterlassenschaften des damaligen Haupttransportmittels einhergingen. Freilich hat sich die Lösung dieser Probleme (die Erfindung des Automobils) mittlerweile selbst zu einem Problem entwickelt. Wir sind heute epochalen, langfristigen Trends gegenübergestellt, deren Motor die einzigartige Fähigkeit des Menschen ist, sich kontinuierlich Neues auszudenken. Heute, da sich die Vorräte endlicher Ressourcen ihrem Ende zuneigen und die Umweltprobleme zunehmen, ist die Wette auf den menschlichen Einfallsreichtum wohl ein vielversprechender Ansatz für Anlagen im Rohstoffsektor und ausserhalb.