Flint ist kein Einzelfall: Herausforderungen der Wasserversorgung in den USA

01-06-2016 | Foresight | Thomas Guennegues

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In die Schlagzeilen geriet die Stadt Flint in Michigan erstmals, als Michael Moore in seiner Dokumentation «Roger and Me» die Folgen der Schliessung von Autofabriken für seine industriegeprägte Heimatstadt aufzeigte. Fast 30 Jahre später richten sich die Augen wieder auf Flint, diesmal aber aus einem ganz anderen Grund: Der dortigen Wasserkrise. Ausgelöst wurde diese durch eine fatale Entscheidung der Stadt: Um Geld zu sparen, zapfte diese ihr Trinkwasser aus dem Flint-Fluss, verzichtete aber auf die Beimischung der notwendigen Chemikalien, um eine Korrosion der Wasserleitungen zu verhindern.
Das aggressive Flusswasser griff die alten Leitungen an, wusch Blei aus und spülte das Schwermetall bis in die Wasserhähne der Häuser. Dabei reduzierte die Verletzung der Sicherheitsvorschriften noch nicht einmal die Endpreise für die Kunden – mit USD 864 war die durchschnittliche Wasserkostenrechnung in Flint rund doppelt so hoch wie im Durchschnitt der USA.1 Die Stadt muss jetzt alle Leitungen austauschen und hat dafür beim Kongress Beihilfen in Höhe von USD 55 Millionen beantragt.2
Doch Flint ist kein Einzelfall. Neben dem schlechten Krisenmanagement der kommunalen Behörden verdeutlicht dieser Fall den desolaten Zustand der US-Wasserinfrastruktur, die von der American Society of Civil Engineers mit D- bewertet wird. Die Kosten für die Modernisierung der Wasserinfrastruktur in den USA werden bis 2050 auf USD 1,7 Billionen geschätzt. Zusätzlich verschärft wird die Problematik durch das fragmentierte Wasserversorgungssystem der USA, ein Kernproblem auch in Flint: 84% der Wasserversorgungssysteme und 98% der Abwassersysteme befinden sich im Besitz der Kommunen, die Kosten sparen, wenn ihre Haushalte gekürzt werden. Hinzu kommt, dass das Betriebspersonal der kleineren kommunalen Wasserversorgungssysteme häufig nicht ausreichend qualifiziert ist und nicht über die erforderliche Ausrüstung verfügt, um die Wasserqualität zu prüfen und sicherzustellen.
Privatwirtschaftliche Unternehmen haben einen gewissen Konsolidierungsprozess in der Branche angestossen, angefangen in einigen Bundesstaaten, deren Regulierungsrahmen eine derartige Entwicklung begünstigt. Dieser Trend gewinnt jetzt an Dynamik. Da private Wasserversorger bereits einen grossen Anlagenbestand haben, können die nach einer Akquisition erforderlichen Investitionen leichter verteilt werden, so dass die Auswirkungen für die Kunden deutlich geringer sind. Darüber hinaus können diese Unternehmen operative Effizienzsteigerungen durchsetzen, durch die sie die Wasserpreise senken können. Vor allem aber unterliegen private Unternehmen strengeren Kontrollen durch die Umweltbehörde EPA3 als Systeme im kommunalen Besitz.
Die Aufsichtsbehörden betrachten die Privatisierung zunehmend als Ansatz zur Verbesserung der Sicherheit und Qualität der Versorgungsleistungen. Die meisten Kommunen werden sich zwar nur sehr zögerlich aus dem Betrieb der Wasserversorgungssysteme zurückziehen. Bei der Abwasserversorgung ist eine mittelfristige Privatisierungswelle aber wahrscheinlich. Von diesem Trend werden höchstwahrscheinlich grosse börsennotierte Unternehmen wie American Water Works und Aqua America profitieren. Sie können auf Wachstumsraten im hohen einstelligen oder niedrigen zweistelligen Bereich hoffen – deutlich mehr als ihre Wettbewerber im Versorgungssektor.
 

1 http://www.theguardian.com/us-news/2016/feb/17/flint-water-crisis-michigan-contaminated-water-bills-food-water-watch-study
2 http://www.wsj.com/articles/flint-set-to-begin-replacing-lead-pipes-1457121838?mod=mktw
3 Environmental Protection Agency
thomas-guennegues-author.jpgThomas Guennegues, CFA 
Senior Equity Analyst
RobecoSAM Sustainable Water Anlagestrategie
 
«Angesichts der Wasserkrise in Flint bemühen sich Städte in allen Teilen der USA endlich um eine Verbesserung der kommunalen Wasserversorgung. Bei der Modernisierung der veralteten Wasserinfrastruktur der USA werden börsennotierte Versorgungsunternehmen mit ihren Grössenvorteilen und ihrer technischen Expertise eine kritische Rolle spielen.»

 



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Senior Equity Analyst der
RobecoSAM Sustainable Water Anlagestrategie



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